Die Diskussion um eine allgemeine Altersvorsorgepflicht für Selbständige wird seit Jahren intensiv geführt. Dabei werden häufig Annahmen als gesicherte Tatsachen dargestellt, obwohl die wissenschaftliche Datenlage ein deutlich differenzierteres Bild zeichnet. Ein Blick auf die verfügbaren Studien zeigt: Pauschale Aussagen über die Altersvorsorge von Selbständigen lassen sich empirisch kaum halten.
Mythos 1: Selbständige sind im Alter besonders häufig auf Grundsicherung angewiesen.
Für diese häufig geäußerte Behauptung gibt es bislang keinen belastbaren statistischen Nachweis. Zwar erfasst die amtliche Grundsicherungsstatistik die Zahl der Leistungsbeziehenden im Alter, sie dokumentiert jedoch nicht systematisch, ob diese Personen zuvor selbständig oder abhängig beschäftigt waren. Der entscheidende Indikator – der Anteil ehemaliger Selbständiger unter den heutigen Grundsicherungsempfängern – wird bislang nicht veröffentlicht. Aussagen, wonach Selbständige überproportional häufig auf Grundsicherung angewiesen seien, lassen sich daher auf Basis der verfügbaren amtlichen Daten nicht belegen.
Mythos 2: Selbständige sorgen grundsätzlich nicht ausreichend für das Alter vor.
Auch diese Annahme greift zu kurz. Die Altersvorsorge Selbständiger unterscheidet sich strukturell von der von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Während Beschäftigte ihre Altersversorgung überwiegend über die gesetzliche Rentenversicherung aufbauen, setzen Selbständige häufig auf mehrere Bausteine gleichzeitig. Dazu gehören private Rentenversicherungen, Wertpapierdepots, Immobilien, Betriebsvermögen, Unternehmensbeteiligungen oder auch freiwillige Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung. Wer ausschließlich Rentenanwartschaften betrachtet, unterschätzt daher häufig die tatsächliche Vermögens- und Vorsorgesituation. Die Studie „Alterssicherung der Selbstständigen in Deutschland“ des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kommt zu dem Ergebnis, dass insbesondere Vermögen und der Haushaltskontext maßgeblich für die Beurteilung des Altersarmutsrisikos sind.
Mythos 3: Solo-Selbständige sind grundsätzlich eine Hochrisikogruppe.
Die Gruppe der Selbständigen ist ausgesprochen heterogen. Sie umfasst Unternehmerinnen und Unternehmer mit Beschäftigten, Freiberufler mit hohen Einkommen, Handwerksbetriebe ebenso wie Kleingewerbetreibende und Solo-Selbständige mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Perspektiven. Tatsächlich besteht ein erhöhtes Risiko vor allem bei Personen, die über viele Jahre nur geringe Einkommen erzielen und deshalb kaum Vorsorgevermögen aufbauen können. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass für sämtliche Selbständigen eine einheitliche Pflichtversicherung erforderlich ist. Vielmehr sprechen die wissenschaftlichen Erkenntnisse dafür, gezielt die besonders gefährdeten Gruppen in den Blick zu nehmen.
Mythos 4: Eine Rentenversicherungspflicht löst das Problem der Altersarmut.
Eine verpflichtende Einbeziehung in die gesetzliche Rentenversicherung kann zwar den Aufbau von Rentenanwartschaften fördern, sie garantiert jedoch keine ausreichende Altersversorgung. Insbesondere bei dauerhaft niedrigen Einkommen können zusätzliche Pflichtbeiträge sogar neue Herausforderungen schaffen. Sie verringern die Liquidität in der Gründungsphase, erhöhen die finanzielle Belastung kleiner Unternehmen, erschweren Unternehmensgründungen und reduzieren den Spielraum für alternative Formen der Vermögensbildung. Gerade junge Selbständige benötigen häufig zunächst finanzielle Stabilität, um ihr Unternehmen erfolgreich aufzubauen und langfristig tragfähige Vorsorge betreiben zu können.
Was sagt die Wissenschaft?
Die vorliegenden Untersuchungen zeichnen insgesamt ein differenziertes Bild. Bereits die IW-Studie von Niehues und Pimpertz (2012) kommt zu dem Ergebnis, dass Selbständige kein grundsätzlich höheres Armutsrisiko aufweisen als andere Erwerbsgruppen. Gleichzeitig zeigt sie, dass das Risiko überschätzt wird, wenn ausschließlich gesetzliche Rentenansprüche betrachtet und Vermögen sowie Haushaltszusammenhänge ausgeblendet werden.
Auch neuere Forschungsarbeiten bestätigen diese Einschätzung. Die Mehrheit der Selbständigen betreibt Altersvorsorge auf unterschiedlichen Wegen. Problematisch ist vor allem eine vergleichsweise kleine Gruppe dauerhaft einkommensschwacher Selbständiger. Eine pauschale Gleichsetzung von Selbständigkeit und unzureichender Altersabsicherung lässt sich nach dem aktuellen Stand der Forschung nicht aufrechterhalten.
„Die Debatte über eine Altersvorsorgepflicht für Selbständige sollte auf einer belastbaren Datenbasis geführt werden. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen gegen pauschale Annahmen und für eine differenzierte Betrachtung der vielfältigen Lebens- und Erwerbssituationen Selbständiger. Zielgerichtete Lösungen für tatsächlich gefährdete Gruppen erscheinen dabei zielführender als eine undifferenzierte Pflichtversicherung für alle Selbständigen,“ so Liliana Gatterer, Präsidentin des Bund der Selbständigen Rheinland-Pfalz & Saarland e.V.
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